Ein poetischer. Abend im "Centre national de litérature" in Mersch
Mein Herz schlägt noch immer im Rhythmus der Tabla-Trommeln, obwohl es vierundzwanzig Stunden her ist, da ihr dumpfes, lockendes Rufen von mir Besitz ergriffen; jede Zelle in mir und mein Bewusstsein für immer verändert hat. Diese Musik verspricht Träume von wirren Tropennächten und schafft gleichzeitig Ahnungen von grenzenloser Freiheit.
Dabei ist der Ort der Handlung für orientalische Verzückungen denkbar ungeeignet, gibt sich doch das ?Centre national de littérature? in Mersch als eher nüchterne, wenngleich auch gastliche Gründerzeit Villa, mit ihren hellen Fluren, den Parkettböden und kunstvollen Fliesen.
GELUNGENE KLANGWELTEN
Der örtliche Veranstalter und das Goethe-Institut in Luxemburg haben ein gutes Händchen für erfolgreiche Programme, und so ist auch dieser Abend voller Überraschungen: ?Vom Ruhrgebiet in die (halbe) Welt? sollte es gehen, ein ?Live-Hörbild mit Reisegedichten, New Jazz & Originalgeräuschen" war annonciert, niemand konnte sich so recht etwas darunter vorstellen.
Die Überraschung war geglückt, der Abend in höchstem Maße gelungen, das Publikum entzückt. Virtuos bespielen die Musiker Ralf Werner, Rahul Sengupta und Peter Bachmann die unterschiedlichsten Instrumente; wobei die indischen Tabla-Trommeln eine fast hypnotische Wirkung erzielen. Wer sich dabei selbst vergessen hat im Erleben dieser Klangwelten und tief angerührt aus den ungewohnten Erfahrungen wieder auftaucht, der hat eines der tiefsten Geheimnisse dieses Abends erahnt: Er hat die Kraft, uns in andere Dimensionen des Erlebens zu entrücken, war Schlüssel und Zugang zu meditativer, fast mystischer Erfahrung.
ZUKUNFT AUS QUALM
Der Schriftsteller Ralf Thenior begleitete die exotische Reise mit seinen Eindrücken aus dem noch unschuldigen New York " (?,Eine dicke fette Regenwolke scheuerte sich den Bauch am World Trade Center...?) oder dem bulgarischen Burgas ("Sie saugten an ihren Zigaretten, als würde ihnen Zukunft aus dem Qualm erwachsen?).
Und wenn er mit uns nach der Kakophonie einer tropischen Nacht mit ihren tausend anonymen Stimmen, auf dem Schnellboot den Mekong hinunterfährt (?die Dämonen lachen sich schlapp!"), Rahul selbstvergessen trommelt, Peter der Klarinette seltsam klagende Laute entlockt und Ralf (der primus inter pares!) die Saiten seines Cellos liebevoll berührt, dann hat sich erfüllt, was nicht zu erwarten war: ein poetischer Abend, leise und abwechslungsreich wie das Leben selbst.
Rainer Holbe
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