Archaic Pop Stuff & Ralf Thenior
Dresdner Neueste Nachrichten // 24.03.2003
Grandiose Wort-Klang-Welten mit Ralf Thenior und Archaic Pop Stuff
Es ist Krieg und das Loben geht weiter? Bei einer Lesung, einer Lyrik-Lesung, deren Hauptteil in einer Gegend am Golf ?spielt?, mutete dies unter den derzeitigen Umständen schon seltsam an. Dabei ist Ralf Thenior, Dortmunder Jugend- und Lyrikautor, Jahrgang 1945, durchaus jemand, der seine Umgebung wahrnimmt, von dem man ein Statement erwartet hätte. Am Freitagabend im riesa efau jedoch: Business as usual. Nicht ganz, vielleicht, denn es waren nur sehr wenige, die der Weg eben nicht auf die Straße zum Demonstrieren oder zu Freunden zum Reden sondern in den riesa-Keller geführt hatten. Frei nach Lou Reed: ?This is no time for Poems?.
Eben dieser Lou Reed hat vor kurzem ein grandioses Hörbuch - seine Wort- und Musikinterpre-tationen der Texte Edgar Allan Poes - vorgelegt.
Würde auch er es einfach so vortragen in diesen Tagen? Ich glaube nicht. Aber gut, nehmen wir das Positive, dass es immerhin einen Markt für solch anspruchsvolle Projekte zu geben scheint - und nicht nur im Falle des bekannten Namens Reed, sondern auch für den vergleichsweise ?kleinen? Thenior und das grandiose Kölner Jazz-Trio Archaic Pop Stuff.
Für ?24 Stunden auf dem Mekong? hat Ralf Thenior seine Reisegedichte der vergangenen 20 Jahre gesichtet und eine literarische Fahrt zusammengestellt. Seine Sprache ist knapp, verkürzt, treffend. Humor schimmert fast immer unter der Oberfläche hindurch, mal auch ganz vorne, wie in der Eingangsszene des gutbürgerlichen Familienfrühstücks, in das ein Komet hinabstürzt. Die Musik, bis dato nur Geräuschkulisse aus leisen Samples, setzt mit getragenem Violincello und Querflöte ein. Sparsame Percussion, eine Art sanfter Zerstörung, Aufbruch. ?Der Neger im Abteil übt ?Entschuldigung?.?
Die Hände von Rahul Sengupta, der da entspannt im Schneidersitz hinter seinen Tabla sitzt, scheinen fast mit den Trommeln verwachsen, gemeinsam mit den Samples - gesteuert von Ralf Werner, der auch die Saiteninstrumente spielt - geben sie nun einen schnellen Rhythmus vor, der von Cello und Flöte konterkariert wird. Über Husum geht es nach Wales, lang, lang ist?s her, das Bed and Breakfast gibt?s in Theniors Text noch für zwei englische Pfund.
Atonal anmutende Passagen leiten die lange Reise über den Atlantik ein. Peter Bachmann legt die Flöte zur Seite und stimmt uns mit seinem Saxophon mehr und mehr auf New York ein. Der gesamte Sound nähert sich mehr dem konventionellen Jazz, unterlegt mit Geldklimpern und Verkehrsgeräuschen.
Textlich ist diese Passago die Stärkste des Abends: Das Nebeneinander von so vielen Existenzen, von Bettlern, Werbeleuten, allen mehr oder weniger Verrückten, wird in wenigen Worten wundervoll deutlich gemacht. ?Man muss laut sein, um hier gehört zu werden." Auch während der Lesung muss Thenior hier lauter sein als sonst, denn seine Stimme muss sich über einen anhaltenden Hintergrund von Geldgeklimper und ständig wie-derholtem ?Thank you very much? erheben.
Der mächtige Sound signalisiert zwischendurch die Enge und Bedrängnis der Straßenschluchten, auch Gewalt, Angst. Danach lassen Grönland- und Bulgarien-Abstecher sowie die lange Reise nach Asien wieder Entspannung zu. Der Balkan zeigt sich als eine fremd-vertraute Welt, unterlegt mit wunderschön warmer, samtweicher Musik, in Vietnam muss dieses Ver-traute im Fremden dann gesucht wer-den.. Aber was tut man, wenn der Dschungel näher kommt, wenn die nächste öffentliche Telefonzelle 300 Kilometer weit entfernt ist? Die Musik dazu - das Dschungelbuch auf Trip: Bachmanns hypnotische Flöte, tiefe Drums, atonales Cello. Aber es kann auch friedlich zugehen auf diesem un-bekannten, breiten Strom. Was also tun?. Weiter fahren oder zurück kehren in die bekannte Welt?
Thenior ist Realist. Er kehrt um. Und sucht die Brücken in Flandern.

Beate Baum
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