DIE KULTURTECHNIKER
Kölnische Rundschau // 21.06.2003
Warum ein Bollwerk aus Büchern nicht schützt
Wie ein Autor versteinert: "Kulturtechniker" experimentierten im Casamax mit "Mommsens Block"

von NICOLE STRECKER

Heiner Müllers Texte sind allesamt sperrige Fragmente, in denen Aphorismen aufblitzen, aber viele Halbsätze auch schlicht ewiges Rätsel bleiben. Keiner seiner Texte jedoch verweigert sich dem Leser so sehr wie "Mommsens Block? von 1993 - vor allem wohl, weil Müller hier seine eigene Tragik zum Thema macht: Die Schreibhemmung eines Autors, der mit dem Ende der DDR geradezu versteinert. Ein ähnliches Verstummen unterstellt Müller in seinem Text auch dem Historiker Theodor Mommsen, der für seine drei Bände römischer Geschichte als erster Deutscher 1902 den Literaturnobelpreis bekommen hatte, dessen lang erwarteter vierter Band jedoch nie erschienen ist.
War es ein Wohnungsbrand, der die Manuskripte vernichtete, oder war es - wie bei Müller ? die Abscheu gegen die Umwälzungen dieser Zeit? Die wie auch immer vollzogene Vernichtung des Worts ist es auch, die die Inszenierung des Musiktheater-Ensembles "Kulturtechniker" ins Zentrum rückt. Flammen knistern über Lautsprecher und scheinen an den per Videoprojektionen eingeblendeten farbig leuchtenden Buchstaben zu züngeln. Der Schauspieler Martin M. Hahnemann zerknüllt beschriftetes Papier und baut sich aus Büchern schließlich ein Bollwerk gegen die Welt - nicht der Geist eines Buches, allein sein Material interessiert hier noch. Vor allem aber zerbröckelt die Sprache akustisch: Denn die Rezitationen sind begleitet von elektronisch verfremdeten Sounds, dem eigentümlichen Klangmix aus Cello (Ralf Werner), diversen Tablas (Apurbo Mukherjee) und dem Gesang von Elke Bartholomäus, die Worte in knatternde Laute zerstückelt oder sie weich zerfallen lässt. "Elektronische Lesekonzerte" nennt die Gruppe Kulturtechniker dieses Konzept.
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