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Archaic Pop Stuff & Ralf Thenior
?Notiz nehmen, sich Notizen machen - Das zweite Ostern.? über die Arbeit von Ralf Thenior & Ralf Werner ?Westfalenspiegel? Nr.1-2003
Lyrik meets Jazz. Der Dortmunder Autor Ralf Thenior und der Klangexperimentator Ralf Werner sind gemeinsam auf Entdeckungsreise gegangen

Es ist schön, von lieb gewordenen Bekannten hin und wieder zu hören. Nicht nur buchstäblich. Seit der Schriftsteller Ralf Thenior eine künstlerische Allianz mit dem Musiker Ralf Werner eingegangen ist, trifft von Zeit zu Zeit Tonbandpost aus der Dortmunder Feldherrnstraße im Redaktionsbüro des WESTFALENSPIEGEL in Münster ein. Jüngst lagen Mitschnitte von zwei Performances bei: ?Herr Ohnestimme - Gesang vom schwarzen Meer? und ?Teatime in Greenland?. Sie sind das Ergebnis der in letzter Zeit intensivierten Zusammenarbeit Theniors mit dem Musiker Ralf Werner, kreativem Kopf des New-Jazz-Trios ?Archaic Pop Stuff?.
Die Symbiose von Wort und Musik, speziell beim Jazz (Peter Rühmkorf, Ernst Jandl), ist schon oft erfolgreich erprobt worden. Im vorliegenden Fall erlebt sie, angereichert durch tanzbare Ethno-Beats und spaceige Klanginstallationen, eine spannungsreiche Variante. Die musikalischen Samples korrespondieren perfekt mit Theniors Sprachmosaiken, will sagen: seinen literarischen Momentaufnahmen, die er von seinen Reisen aus allen möglichen Erdteilen mitgebracht hat.
Archaic Pop Stuff bietet eine innovative Mischung aus unterschiedlichsten Stilrichtungen, die mit Ambient-Klängen und Soundcollagen modifiziert werden. Die Besetzung ist ungewöhnlich: Ralf Werner ?bedient? cello & sampler & electronics, während Raul Sengupta tabla & percussion und Peter Bachmann altsax & sopranosax & flute beisteuern. Die Produktionen firmieren als ?Live-Hörbilder?, wobei Text und Musik gleichberechtigt nebeneinander stehen.
Das Ergebnis muss man einfach gehört bzw. gesehen haben. Es passiert genau das, was man sich bei einer Fusion von Jazz und Lyrik wünscht: Der Funke springt sogleich über. Über ?24 Stunden auf dem Mekong?, das (nach ?Im Nachtzug nach Sofia?) zweite Programm, das Thenior und Archaic Pop Stuff gemeinsam realisiert haben, war im ?Luxemburger Wort? zu lesen: ?Mein Herz schlägt noch immer im Rhythmus der Tabla Trommeln, obwohl es vierundzwanzig Stunden her ist, dass ihr dumpfes, locken, des Rufen von mir Besitz ergriffen, jede Zelle in mir und mein Bewusstsein für immer verandert hat...? Bei ?Teatime in Greenland? wurde das Arrangement durch reichhaltige Zuspielungen von arktischen Originalgeräuschen ergänzt, die wie Klangpostkarten aus einer anderen Welt wirken. In den ?Ruhr Nachrichten? war zu lesen: ?Die Herren an Instrument und mit Stimme ließen die Percussion wie Wasser von einem schmelzenden Eiszapfen hinein in die à la Ginsberg delierende Lesung tropfen; die Live-Elektronik knirschte wie gepresster Pulverschnee und der Bass verbreitete die dumpfe Akustik einer verschneiten Landschaft. Hmmm!?
Die Zusammenarbeit zwischen Thenior und Werner begann bereits vor zwanzig Jahren im Rahmen eines Jazz & Lyrik-Projektes. 1997 arbeiteten beide bei ?Bleichgesicht? zusammen, einer mehrfach preisgekrönten Musiktheaterproduktion zum Thema Rassismus. Weitere Stationen des Teamworkings führten 1999 auf die Leipziger Buchmesse und im Auftrag des Goethe-Instituts Sofia 2000 und 2002 auf Bulgarien-Tourneen. Zurzeit basteln beide Künstler an einer Studio-Fassung von ?24 Stunden auf dem Mekong - vom Ruhrgebiet in die (halbe) Welt?. Die CD wird Anfang 2003 im Bielefelder Pendragon-Verlag erscheinen und ab März 2003 auf einer Tournee rund um die Leipziger Buchmesse vorgestellt. Die Produktion enthält literarische und akustische Impressionen aus Deutschland, England, den USA, Grönland, Bulgarien, Laos und Flandern. Alltags-, Reise- und Naturgeräusche treffen auf Literatur, Musik und Elektronik.

Zum Reiseschriftsteller geboren
Thenior hat seine literarische Arbeitsmaxime einmal wie folgt beschrieben: ?Notiz nehmen, Notiz nehmen von jemandem oder etwas, aufmerksam werden, sich Notizen machen.? Ein solches poetisches ?Verfahren? prädestiniert ihn geradezu zum Reiseschriftsteller. Der Autor hat, seinem Prinzip des ?poetischen Journalismus? folgend, wie ein Fotograf die ?einfachen Dinge des Lebens? im Blick. Er kultiviert auf diese Weise seine ?Ästhetik des Unscheinbaren? und seine Kunst der Reduktion, die im Detail voller Spannungsreichtum steckt:
?Schmetterlinge ...umgaukeln das steinerne Maschinengewehr?, hieb es in dem Band ?Das bulgarische Gefühl?, dessen Text-Konglomerate die Widersprüchlichkeit einer zerstörten Welt nach dem Zusammenbruch der Diktatur abbilden. Nach einem ersten Band mit Reisegedichten, ?Drache mit Zahnweh im Wind«?(1990), waren die ?siebenundneunzig Miniaturen aus Plovdiv und vom Schwarzen Meer? das Ergebnis eines nachhaltigen Stipendiaten-Aufenthalts. Er führte dazu, dass der Autor später wiederholt in den Ostblockstaat reiste. Bei seinen Reisetexten ist Thenior, wie in seinen Romanen und Erzählungen, ein ?Wirklichkeitserkunder? par excellence. Der Alltag dient ihm als poetischer Rohstoff. Thenior greift Wirklichkeitspartikel auf, selektiert, fügt sie neu zusammen, Beobachtungskunde im Zeitraffer, Stoffsammel-Kunde, Und immer griffbereit: Die Kladde für Notizen. Schriftstellerische Arbeit heißt für den Autor: Einen Sensus dafür zu entwickeln, wie Spreu und Weizen voneinander zu trennen sind. In einem poetologischen Essay, der ?Drache mit Zahnweh im Wind« beigegeben ist, hat er resümiert: ?Ich habe kein Talent, einem ganzen Tag unter der Überschrift eines Datums Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Unter der Hand wird alles zu leeren Sätzen, klappernd rhythmisiert von dem monotonen und dann, und dann, und dann ... Bei jeder Abweichung die Gefahr, das Ganze aus dem Auge zu verlieren, sagen wir, die Proportionen eines durchlebten Sechzehn-Stunden-Tages. Geröll. Alles grau. Ein Netzwerk von nüchternen Sätzen. Kaum Rückbezüge. Und wenn die Tinte dann trocken und das Buch zugeklappt ist, die flüchtige Erinnerung; da war doch jemand mit einem eigenartigen Sprachfehler, den man noch nie zuvor gehört hat. Aber wo, und wann ... Aufzeichnungen von Fundstücken, Eintragungen zum Ereignis des Tages; das schon eher. Blickwinkel, Ausschnitte, Momentaufnahmen. Eine Elster lässt sich von einer Dachrinne fallen. Eine Notiz zum Überleben der Vögel in den Städten. In New York trugen die schwarzen Jugendlichen in diesem Herbst ein Nest auf dem Kopf.?
Im Kopf und auf den Manuskriptblättern des Schriftstellers entsteht die Wirklichkeit neu, vielleicht nur um Nuancen verschoben, aber so weit aufgebrochen, dass beim Leser Reflexion einsetzt, Irritation, Infragestellen. Für Thenior leuchtet, wie er selbst sagt, im kleinen Moment, in der Mikrostruktur, vielleicht mehr an gesellschaftlicher Wirklichkeit und an gesellschaftlichem Widerspruch auf als in einem vermeintlichen Gesamtpanorama. Bestimmte Denkmodelle und Vorstellungsweisen will der Autor ganz leicht ankippen und verschieben, so dass - ich zitiere ihn erneut - der Leser, ?wenn er aufmerksam genug ist, plötzlich merkt, da ist etwas anders, als ich es gewohnt bin. Und dann muss er sich darauf einstellen und muss seine Sichtweise verändern; ... das ist das, was die Literatur ... eigentlich erreichen sollte?.
Der bewährten Montage- und Reduktionstechnik folgt Thenior auch bei den folgenden Texten, die bisher nur in einer Privatedition greifbar waren. Die Bilder sind, so sparsam sie auch gesetzt sind, detail- und tiefenscharf. Sie komprimieren, greifen Markantes heraus. Die Reise kann im Kopf des Lesers neu entstehen, ein Dialog und Perspektiventausch. Zugleich ist der Leser aufgefordert, das, was im Gedicht ausgespart wird, selbst auszufüllen - ein interaktiver Vorgang mit offenem Ausgang.


Walter Gödden




Gedichte von Ralf Thenior


Ralf Thenior hat von einem seiner Bulgarien-Aufenthalte Reisegedichte mitgebracht, die demnächst auf einer
Audio-CD zu hören sein werden. Hier einige Auszüge.


Spalen Wagon Sofia


Das Schlafwagenabtell ist nass,
der Teppich quatschvoll Wasser.
Hoffentlich Wasser! Schlafwagenschaffner
wischt, bringt trockenen Teppich.
Wir verlassen den Bahnhof von Burgas.
Außentemperatur 12 Grad, Fahrtwind.
Verrottende Fabriken, zerbrochene Fenster.
Beat der Eisenbahnräder ankommen oder
nicht ankommen alles ok ankommen oder
nicht ankommen alles ok nur das
Abteilfenster bleibt nicht im Schloss,
rutscht immer runter - eisiger Fahrtwind.
Ein Schnürsenkel löst das Problem
halbwegs, bulgarische Arbeit, nur
ein Spaltbreit bleibt offen, so kann
die Schlafwagenparty beginnen.
(9. S 2002)



Nur superleichte Behinderung!


Es war ein Pflasterloch,
ein Sofioter Pflasterloch,
das fast ihm das Genicke broch.
Er tritt hinein, auf dem Weg
zum Bahnhof tritt er hinein,
gepäckbe!aden, schon liegt er
da im Pflasterstaub,
im Sofloter Pflasterstaub.
Umgeben von bestürzten Blicken
rafft er sich auf, sammelt seine
Siebensachen, geht weiter.
(12.5.2002)



Qualiphone QP 106


Nur die besten Nachrichten
in unserem Sender keine
Katastrophenmeldungen nur
Musik Musik Musik und
Autoreifen über vom Winde
verwehte Plastikbecher
(9.5.2002)



Schatten in der Maiwüste


Dem Pappelpappus gleich
schwebt durch den Tag er leicht
in abgewetzter Lebensjacke, ungebeugt
und reich, an der Fabrik vorbei,
in der man Missverständnisse erzeugt.


Onkelchen, gell noch nicht fort!
Gib mir noch Wort! Gib mir noch Welt!
Gib mir noch Geld, damit ich essen
kann! Denn ohne uns wär alles
nichts, hast du das schon vergessen?


Auf Plastikstühlen unterm Sonnenschirm,
dem colaroten, setzt mit sich selbst
er sich zu Tisch, Skelett mit Broten
singt übern Fluss das Lied vom Meere
und Augen. hinter Sonnenglas. weit offen
starr?n ins Leere.
(2.5.2002)

von Walter Gödden
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